Interview Hartmut Kunkel

0

Hartmut, der WM-Streckensprecher mit über 40 Jahren MX-Geschichte. Der, der die Fahrer fast alle kennt…

Hartmut Kunkel –
Foto: Renate Kunkel

Zusammen mit Sprecherlegende Thommy Deitenbach ist er die emotionale Stimme der Moto-Cross-WM in Teutschenthal und bei den Landesmeisterschaften in Berlin/Brandenburg und Umgebung, ist er einfach nicht mehr wegzudenken. Die meisten Fahrer kennt er persönlich und ihm fällt fast immer eine persönliche Geschichte zu ihnen ein. 

1988 in Parmen: Andreas Kunkel, Olaf Böhlke, Hartmut Kunkel

Was letzten Samstag eigentlich als reines Interview geplant war, kam ganz anders und das noch viel besser!

Ich bin mit so vielen Fragen nach Prenzlau aufgebrochen, aber nach Hause gefahren bin ich mit unglaublich vielen Eindrücken und Erzählungen, die mich vor eine große Herausforderung stellten. Lässt sich ein Hartmut Kunkel in einem Beitrag zusammenfassen? NEIN!!!

1982: Hartmut mit der CZ250

Denn wenn Hartmut erst einmal anfängt zu erzählen, dann springt die Leidenschaft zum Sport sofort über.

Über 40 Jahre Motocross als Fahrer, Händler, Teamchef, Mechaniker und Streckensprecher lassen sich an einem Nachmittag nicht zusammen fassen.

Erste Eindrücke

Gerade erst in der Nähe von Prenzlau bei den Kunkels angekommen, zeigte mir Hartmut gleich als erstes einen beeindruckenden Kellerraum, der einladend mit Couch und Bar eingerichtet ist. Hier verbrachte Familie Kunkel mit Fahrern und deren Familien viele Stunden in gemütlicher Runde. Teamfahrer wie Heiko Koch, Danny Siromski, Ronny Herlitschke, Nico Machnow, Matthias Linke usw. waren immer herzlich willkommen. „Das war eine schöne Zeit, da erinnert man sich heute noch gerne daran.“, meint Hartmut.

diverse Urkunden

In diesem Raum wurden Pläne geschmiedet, alte Geschichten erzählt und neue Errungenschaften bei einem Bierchen gewürdigt. Die Wände sind voll mit vielen selbstgewonnen Urkunden, alten Fahrbildern von sich und seinem Team, Poster mit Autogrammen diverser Fahrer und vielen anderen Erinnerungen.

Kellerraum voll mit alten Erinnerungen

Unter anderem findet sich auch ein Foto von Stefan Everts an der Wand. „Stefan habe ich immer beneidet. Er ist einer der größten Vorbilder für mich. Ich habe mit ihm immer tolle Interviews geführt. “, meint Hartmut.

Weiter erzählt er zu einem Foto mit Pit Beirer: „Anfang der 90iger Jahre war der damals noch junge WM-Fahrer Pit Beirer bei mir bei einer Vorstellung von meinem Suzuki-Team im Kultursaal in Prenzlau zu Gast. An die 500 Menschen waren zu Besuch, nur um zu hören, was er zu erzählen hat.“

Also mein erster Gedanke war gleich: „Eigentlich könnten wir jetzt genau hier in diesem geschichtsträchtigen Raum voller Erinnerungen bleiben und das Interview führen, das wäre doch der perfekte Platz.“ Doch es kam noch besser.

1985: Parmen, alte Crossstrecke Alpenring

Denn wir gingen anschließend direkt zu seiner Werkstatt. Dort angekommen, war ich erst einmal perplex. Der erste Blick viel auf die hochpolierten alten Jawas, eine schöner als die andere.

Mit seiner eigenen 350er von 1970 ist er mit seinem Jawa-Club seit einigen Jahren unterwegs und restauriert die Oldtimers. Wie sagt er so schön: „Mit einer Jawa hatte man zu DDR-Zeiten die Mädels hintendrauf. Das war das Motorrad schlechthin.“

die heilige Werkstatt

Dankbar erzählt Hartmut auch von den Freunden, die in der Not für ihn da waren. Als vor ein paar Jahren seine alte Werkstatt samt Inhalt (leider auch an die 40-50 Siegerkränze aus der DDR) abbrannte, standen er und seine Frau vor einer Entscheidung: „Weitermachen oder aufhören?“

Doch das kam für Freunde und Mitglieder des Clubs nicht in Frage. Die gemütlichen Stunden mit Hartmut in der Werkstatt wollten sie nicht missen. In jeder freien Minute halfen sie über ein Jahr lang, eine neue wieder aufzubauen. Dafür ist er ihnen heute noch sehr dankbar.

Auschnitt eines Filmbeitrages, Uckermark TV

Nachdem ich rührend mit Kaffee und Keksen versorgt wurde, Ehefrau Renate dazu kam und wir es uns auf der Couch vor einem großen Fernseher in der Werkstatt gemütlich machten, wurde gesammeltes Filmmaterial herausgeholt und lief im Hintergrund ab.

Dazu kamen die alten Erinnerungsfotos zum Vorschein und damit auch die Erzählungen… .

1984: Hartmut und Renate Kunkel beim reparieren, DDR Meisterschaft Klasse 500 in Ueckermünde 1984

Die Stimmung war perfekt, um über Anfänge, Träume und Erlebtes zu reden. Und wenn Hartmut über seine Leidenschaft redet, leuchten die Augen und er zieht einen in den Bann der guten alten Zeiten. Das ist aber auch die perfekteste Voraussetzung, die man als begnadeter Streckensprecher benötigt, oder?

Als ich fragte, was seine erste Erfahrung mit Motocross war, viel ihm lustiger Weise folgendes ein: „Mit fünf Jahren nahm mein Vater mich vorne auf dem Fahrrad mit zu einer Motocross-Veranstaltung. Wir mussten nur durch einen Wald fahren und dann auf einen Feldweg. Genau auf diesem Weg war die Warmlaufstrecke für die Crosser. Die Motorräder waren fürchterlich laut und ich hatte mich richtig erschreckt und hatte Angst bekommen. Beim Rennen habe ich mich dann nur in eine Ecke gesetzt und zugeschaut.“

Da können wir schon froh sein, dass Hartmut später noch eine andere Begegnung mit Motocross haben sollte. ;-)

1967: Wolfgang Kallies, Günter Ramin, Hartmut Kunkel

Bis Hartmut 23 wurde, spielte er Fußball bei Traktor Weggun und war auch erfolgreich in Leichtathletik.

Während er dann seine Ausbildung als Motor- und Maschinenbauer in Wriezen gegenüber einer Crossstrecke absolvierte, wurden die Lehrlinge gern als Betreuer für die Fahrer bei großen nationalen Moto-Cross-Veranstaltungen eingesetzt. 1968 lernte er hierbei den dreifachen Weltmeister Paul Friedrichs kennen. Hartmut: „Dann habe ich ihn fahren gesehen und es war Faszination. Wir kamen dabei ins Gespräch und er hat mich gefragt, was ich so mache. Naja, ich spielte Fußball und machte Leichtathletik. Dann sagte er, wäre Motocross nicht auch was für Dich…?“

Hartmut: „Meine Frau ist eigentlich auch schuld, dass ich dann mit Motocross angefangen habe. Fußball mochte sie nicht und meinte dann, ich soll lieber Motocross fahren. Sie hat mich mein Leben lang unterstützt. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich nicht dahin gekommen, wo ich heute bin. Sie ist überall dabei, sie ist meine beste Beraterin und egal wo wir hinkommen, zuerst wird meine Frau gedrückt.“

Seine Frau Renate lernte er vor gut 48 Jahren in Wriezen kennen und sie sind bis heute seit 45 Jahren glücklich verheiratet.

1972 hatte er sein erstes eigenes Rennmotorrad und fuhr dann für den zwei Jahre später gegründeten MC Fürstenwerder. Obwohl er mit 23 Jahren für diesen Sport recht spät angefangen hatte, war er dennoch erfolgreich. Bis 1989 wurde er unter anderem achtmal Bezirksmeister, zweimal Vizemeister und ist viel in der 125er-Klasse gefahren.

Helmut Mielenz, Hartmut Kunkel, Gunter Frohn 2018 / Foto: Corinna Linde

„Gunter Frohn, Helmut Mielenz und ich waren immer zusammen unterwegs und haben trainiert. Ich hab von Helmut viele Tricks gelernt. Das war eine wunderschöne Zeit damals. Ich habe ihm in der Beziehung viel zu verdanken und konnte es ihm gegenüber nur technisch zurückgeben, indem ich seine Motoren gemacht habe und damit konnte er ja auch 1986 den Ostseepokal gewinnen.“, erinnert sich der 67-Jährige.

Diese Trio-Freundschaft hält bis heute noch an. Gerade erst hat Hartmut den Helmut mit einem neuen Hobby angesteckt.

Kunkels erstes „Westmotorrad“, eine 83er 250er Suzuki entstand durch Kontakte im Westen, die ihm Teile über die Grenze mitbrachten. Da in der DDR nicht erlaubt war, sichtbar mit westlichen Motorrädern zu fahren, haben sie sie in grün umgespritzt. Zusammengerechnet hat sie dann unglaubliche 23.000 DDR-Mark gekostet. Pit Beirer hatte das Hartmut gar nicht glauben wollen, als er es mal erzählte.

Hartmuts Fahrerlizenzen

1988/89 musste der MC Fürstenwerder einem Kieswerk weichen. Eine neue Strecke wurde in der Nähe von Parmen gefunden und der MC wurde dann umbenannt zu MSC Parmen. Der Club zog bekannte Fahrer wie Helmut Mielenz, Heiko Koch oder Karsten Fiebing an.

In diesen Zeiten eröffnete Hartmut und sein Bruder Andreas Kunkel einen Zweiradshop und gründeten das Rennteam Kunkel. Seine zwei Brüder hatte er schon früh mit dem Motocrossfieber angesteckt. Bis 94 fuhr das Team Suzukis und dann Kawasakis, mit diesen spezielleren Bikes mit einer stärkeren Motorleistung als früher, fuhren die Motocrosser aus Fürstenwerder und Parmen bis heute diverse Titel auf Bezirks- und Landesebene ein.

Wandbild 1998: Ronny Herlitschke

Beginn der Ära Streckensprecher Kunkel

Mit der Ausrichtung von Rennveranstaltungen des MSC Parmen kommentierte Harmut Kunkel 2001 sein erstes Rennen und die Ära „Streckensprecher Kunkel“ wurde geboren. Daraufhin gab es Anfragen anderer Veranstalter u.a. auch Deutsche Meisterschaften. Mittlerweile ist Hartmut an die 20/25 Wochenenden im Jahr unterwegs.

2005 rief ihn Dietmar Lacher an, der die Masters-Serie des ADAC in Deutschland managen und organisieren sollte: „Hartmut, sag mal, Du bist uns empfohlen worden für die internationalen ADAC Masters… .“ Hartmut: „Da habe ich erstmal Luft geholt …“

Ein Traum war für den geborenen Streckensprecher, auch mal die WM in Teutschenthal kommentieren zu dürfen und der ließ gar nicht lange auf sich warten.

Hartmut Kunkel und Thomas Deitenbach
Foto: Renate Kunkel

Meine persönliche Erfahrung bei der WM in Teutschenthal ist, dass die Kombination aus einem legendären Thommy Deitenbach und einem emotionalen Hartmut Kunkel, genau die richtige Mischung ist. Dieser spontane Schlagabtausch beider Kommentatoren macht die Läufe so lebendig. Selbst Zuschauer, die wenig Ahnung haben, werden hier vollkommen mitgerissen und kommen auf ihre Kosten.

Denn Hartmut fiebert richtig mit den Fahrern mit, weil er aus seinen eigenen Zeiten noch ganz genau weiß, was die Crosser in dem Moment fühlen. So sagt er: „Nach den Rennen bin ich genauso fertig, wie die Fahrer selbst.“

Warum Kunkel es schafft, Zuhörer so mitzureißen, liegt an seiner Philosophie, den Zuschauern das richtige Feeling vermitteln zu wollen. Vor einiger Zeit hatte er das schon einmal so schön zusammenfassend gesagt: „Ich will dem Zuschauer das vermitteln, was ich selbst fühle und sehe. Ich will alle Leute daran teilhaben lassen, was hinter diesem Sport steckt. Der größte Erfolg ist, wenn Zuschauer, die das erste mal an der Strecke stehen, Gänsehaut haben und das Gefühl haben, dass sie beim nächsten Rennen unbedingt wieder mit dabei sein müssen. Die Zuschauer müssen mit leuchtenden Augen dastehen und begeistert sein.“

Teutschenthal

Eine Frage von mir war, ob es jetzt einen neuen Wunsch gibt, nachdem sein Traum als Sprecher bei der WM ja in Erfüllung gegangen ist. Mich hat seine Antwort gerührt: „Für den Crosser ist es das Größte, bei einer WM fahren zu können, da gibt es bei einem Kommentator auch nichts Größeres.“

WM-Teutschenthal – aus diesen Lautsprechern hallten die mitreißenden
Schlagabtausche von Deitenbach und Kunkel

Weil Motortechnik und Hartmut mehr als zusammen gehören, nennen er und seine Renate seit einiger Zeit auch noch Oldtimer auf vier Rädern ihr Eigen. Unter den hochpolierten Lieblingen befindet sich auch ein Ford Thunderbird Tiger 1979 V8 in Grün mit grünen Velourledersitzen.

Ich war da gar nicht mehr wegzubekommen, als sie mir stolz ihre Errungenschaften zeigten. :-)

Mit diesem letzten Bild vor Augen, von einer zufriedenen Familie Kunkel und den herzlichen Abschiedsworten, fuhr ich beeindruckt nach Hause und grübelte lange, wie ich das in einem Beitrag zusammenfassen kann.

Treffender, als die folgenden Aussagen zu Hartmut, hätte man es nicht ausdrücken können:

Danny Siromski: „Ich bin viele Jahre in Hartmuts Team gefahren, hab ihn aber immer mehr als Kumpel oder väterlichen Freund gesehen. Er hat für technische Probleme – selbst nachdem er jetzt offiziell in Rente gegangen ist – immer ein offenes Ohr. Wenn ich auf der Suche nach der richtigen Einstellung meines Bikes nicht mehr weiter komme, ist er oft mein „Joker“. Und natürlich verquatschen wir uns dann meistens, vor allem wenn es um die WM oder die Rennen in den USA geht.“

Corinna Linde: „Ich glaube, für einen Zuschauer, der das erste Mal bei einem Crossrennen dabei ist und kaum einen Fahrer kennt, steht und fällt dieses Erlebnis auch mit dem Streckensprecher. Hartmut versteht es nicht nur, den Rennverlauf sehr emotional wiederzugeben, er nimmt einen regelrecht mit in die Zweikämpfe und man hört schon allein an seiner Tonlage, wie spannend es gerade zugeht. Er hat auch immer interessante Hintergrundinfos zu den Fahrern und der Crossszene auf Lager. Als Club sind wir natürlich super stolz, dass wir den besten Streckensprecher Norddeutschlands, wenn nicht sogar Deutschlands ;-) als Ehrenmitglied im MSC Parmen haben.
Ich erinnere mich zu gern an unsere letzte Vereinsfeier, als wir Hartmut, Gunter Frohn und Helmut Mielenz zu Gast hatten. Die alten Geschichten der drei waren so spannend, dass wir mehr als einen Abend damit hätten füllen können. Das sind eben echte Unikate.“

Ronny Herlitschke: „Hartmut ist ein absolut genialer und mit allem Fachwissen gespickter Sprecher, begnadeter Techniker, der jedem hilft wo er nur kann und ein noch besserer Freund fürs Leben.“

Lieber Hartmut und liebe Renate, an diese Stelle gehört noch einmal ein großes Dankeschön von mir für den sehr herzlichen Empfang und die vielen persönlichen Einblicke!

1985, elterlicher Hof in Parmen
völlige Erschöpfung
1986: Fahrgestell von einer Suzuki, Motor CZ125
1986: 125er DDR Meisterschaft Rügen

Leave A Reply

*