Interview Fahrerfrau Corinna Linde

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Im letzten Interview mit Danny Siromski konnte man lesen, dass auch er ein sehr ehrgeiziger Crosser war. Viele Fahrerfrauen wissen, dass es nicht immer einfach ist, wenn die Wochenenden während einer MX-Saison von vornherein unverrückbar verplant und Urlaube nicht wirklich mehr spontan sind. Mal ganz abgesehen von der Stimmung, wenn wegen was auch immer, Punkte bei einem Rennen verloren gehen. ;-)

Da kann man seinen Crosser noch so sehr lieben, über die Jahre muss man lernen, u.a. auch damit umzugehen und einen gemeinsamen Weg finden.

Ich freue mich, dass ich Dannys Frau Corinna gleich mal im Anschluss an seinem Interview für ein paar Fragen überreden konnte. Hier also mal ein kleiner Blick hinter die Kulissen…

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Liebe Corinna, heutzutage ist es ja mittlerweile Trend, die Hochzeit in den MX-Fokus zu stellen. War das bei Euch auch schon so? ;-)

Jein. Wir haben am 08.08.08 heimlich an der Ostsee geheiratet, kurz vor dem Motocross-Pokal in Wolgast. Als wir nach der Trauung in Brautkleid und Anzug auf dem Weg zum Strand waren, lief uns gleich mal ein Crosser über den Weg. Der hat vermutlich gedacht, er hat Halluzinationen. :D. Aber ansonsten war unsere Hochzeit „crossfrei“.

Welche Rolle spielt es in Deinem Leben, dass Du einen Motocrosser geheiratet hast?

Motocross bestimmte viele Jahre unser Leben und auch zum Teil unsere Beziehung…mittlerweile ist das ein bisschen anders.

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Während MX der Ausgleich für Danny ist, was ist der Ausgleich für Dich?

Ich habe gar nicht unbedingt das Gefühl einen Ausgleich zu meinem Job zu brauchen, denn ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Seit 2,5 Jahren führe ich einen kleinen Stoffladen, in dem ich auch Nähkurse gebe und Selbstgenähtes verkaufe.

Andererseits genieße ich die Sonntage auf dem Rennplatz ebenso wie Danny. Wir haben Freunde um uns herum, sind an der frischen Luft und verbringen gemeinsam Zeit. Gibt es eine schönere Abwechslung zum Alltag?!

Wie viele Jahre konntest Du Deinen Mann während der Offseason bereits erleben? Was sind erkennbare Symptome bei Deinem Mann, dass MX-Pause ist?

Wir kennen uns fast 18 Jahre und sind seit 2001 ein Paar. Ich erlebe ihn (mit Unterbrechung) also schon 15 Jahre während der Offseason.

Früher war sein ganzes Leben und auch zum Teil unsere Beziehung davon abhängig, wie es beim Cross am Wochenende lief. Mit Anfang 20 war er so verdammt ehrgeizig und erfolgshungrig, dass nach dem Rennen oft wütend die Stiefel flogen, die Rückfahrt nach einem missglückten Rennen schweigend verlief und er tagelang sauer über das Ergebnis war. Er wollte oder konnte aber nicht darüber reden. Dementsprechend verliefen dann auch die Wintermonate.

Die ersten Symptome? Miese Laune, Unausgeglichenheit, kränkelndes Ego – das volle Programm. Jeden Winter. Das war schon hart.

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Was bedeutete die Winterzeit dann für Dich/Euch?

Zu dieser Zeit war der Winter mein schlimmster Feind. Ich habe diese Phase wirklich jedes Jahr gefürchtet, weil ich wusste, dass sie auch unser Miteinander sehr belasten würde. Am Ende ist es vermutlich nicht nur ein psychologisches, sondern auch ein physiologisches Phänomen. Plötzlich wird der Körper nicht mehr jedes Wochenende mit Adrenalin vollgepumpt. Das ist wie ein kleiner Entzug, der natürlich auch die Psyche beeinflusst. Zudem konnte er sich ja nicht wie sonst beim Training oder Rennen auspowern, sondern war unausgeglichen und einfach nicht ausgelastet. Ich habe früher wirklich die Tage gezählt, bis der Boden aufgetaut war und er endlich wieder fahren konnte.

Zum Glück hat sich Dannys Einstellung im Laufe der Jahre, auch mit der Geburt unserer Tochter und vor allem nach seinem schweren Unfall 2014 sehr geändert. Er geht wesentlich entspannter an sein Hobby. Dadurch hat auch der Winter seinen Schrecken verloren und ist zu einer schönen Phase des Jahres geworden. Wir haben mehr Zeit füreinander, können am Wochenende auch mal spontan wegfahren oder etwas auf dem Grundstück machen.

In der Phase nach seinem Unfall hat er mich aber zum Beispiel auch tatkräftig an der Nähmaschine unterstützt. :D Okay, das war vielleicht nicht gänzlich freiwillig.

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Natürlich fehlt ihm der Motorsport trotzdem und die Dunkelheit nervt. Danny ist auch jemand, der ganz schlecht im Nichtstun ist. Meist bekommt er nach kurzer Zeit Hummeln im Hintern und muss was tun. Ich bewundere seinen Elan, besonders wenn ich sonntags einfach mal faul auf der Couch liegen mag.

Gibt es Erlebnisse, die Dir ganz besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ach es gab so viele tolle Erlebnisse. Früher sind wir jedes Wochenende im Sprinter und später im Wohnmobil zu den Rennen unterwegs gewesen. Samstags nachmittags sind wir mit unserem Mechaniker und Kumpel losgefahren, haben abends alle am Grill zusammen gesessen, über alte Geschichten gelacht und am nächsten Tag dann zusammen bei den Rennen mitgefiebert. Wir waren wirklich ein eingeschworenes Team. Ich habe selbst hochschwanger noch an der Strecke gestanden und unsere Tochter ist quasi auf dem Rennplatz groß geworden. Mit sechs Monaten war sie schon überall dabei.

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Natürlich gab es auch viele Tränen am Streckenrand, schwere Stürze und Verletzungen, die wiederum Krankenhausaufenthalte und einen monatelang motzenden Mann mit Gips oder Krücken zur Folge hatten. Da will ich nichts beschönigen.
Aber Danny ist gewachsen, reifer geworden. Als Sportler, aber besonders als Mensch. Und wenn ich dann sehe, wie er mit seinem Schützling Nici umgeht und wie der zu ihm aufsieht und von ihm lernt, dann bin ich einfach nur stolz.

Mittlerweile erleben wir den Crosszirkus durch verschiedene Umstände oft nur noch in der Light-Version: die alte Besetzung gibt es schon lange nicht mehr, meist reisen wir erst am Sonntag früh an und Danny fährt auch mal allein zum Rennen. Klar fehlt mir das manchmal, aber so ist das Leben und die Prioritäten verschieben sich einfach.

Kennst Du ein Allheilmittel gegen männliche Unausgeglichenheit? ;-)

Kein jugendfreies. ;)

Nein Spaß beiseite, ich glaube inzwischen schaffen wir es ganz gut, uns gegenseitig aufzufangen, wenn einer mal unausgeglichen ist und motzt.

Unser Trauspruch lautet: „Rudern zwei ein Boot, der eine kundig der Sterne, der andere kundig der Stürme. Wird der eine führ´n durch die Sterne und der andere führ´n durch die Stürme (…).“

15435777_1459992567348846_218003780_nOhne da weiter ins Detail zu gehen, aber das beschreibt uns sehr treffend und nach vielen Stürmen können uns die paar Monate Offseason schon gar nichts mehr anhaben. ;)

Wer die MX-freie Zeit als Fahrerfrau über die Jahre hinweg mitmacht, hat ja schon sein eigenes System, die Zeit sinnvoll mit dem Partner zu überbrücken. Wie sieht es bei Euch aus? Planst Du da im Sommer schon voraus?

Wie gesagt, früher war das alles wesentlich problematischer. Da habe ich dann schon bewusst überlegt, womit man Danny im Winter beschäftigen könnte. Inzwischen mache ich mir da kaum noch Gedanken, weil ich weiß, dass ihn die Offseason nicht mehr so schwermütig machen wird.
Was ich plane, sind dann eher Urlaub und Co. Früher wäre es eine Todsünde gewesen, während der laufenden Saison an einem Rennwochenende Urlaub zu buchen. Inzwischen lässt Danny auch mal ein Rennen aus, wenn es nicht anders zu managen geht. Nächstes Jahr machen wir sogar mit der ganzen Familie über den 01. Mai eine Kreuzfahrt und jeder Motocrossfan in Brandenburg weiß, welche Veranstaltung wir somit verpassen werden.

Selbst bist Du ja auch aktiv in der Vereinsarbeit des MSC Parmen tätig. Welche Aufgaben übernimmst Du da, hast Du eine bestimmte Funktion?

Offiziell bin ich im Vorstand als Schriftführerin tätig, unterstütze aber auch die Kassenführung. Außerdem kümmere ich mich um alles was das Rennbüro betrifft, sprich Nennungen, Anmeldungen am Renntag, Auswertung und Abrechnung der Veranstaltungen mit ADAC, DMSB und der Versicherung. Ab und an schreibe ich auch einen Zeitungsartikel im Vorfeld der Rennen. Das „Grobe“ an der Strecke und z.B. rein sportliche Themen überlasse ich aber lieber meinen männlichen Kollegen. Wobei die Jungs da echt fair sind und auch meine Meinung hören wollen, wenn es z.B. darum geht, welche Klassen wir fürs Rennen an den Start gehen lassen oder wie viele Veranstaltungen es geben wird. So hat jeder seinen Aufgabenbereich und alle zusammen ergänzen wir uns zu einer sehr guten Vereinsführung, wie ich finde.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, selbst im Verein aktiv zu werden? Ist das als Fahrerfrau selbstverständlich oder doch eher Eigeninitiative?

Wenn ich mich richtig erinnere, war das gar nicht meine Idee. Als ich vor zehn Jahren im Erziehungsjahr war, kam mein Vorstandskollege Andreas Kunkel auf mich zu und hat gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, den Posten der Schriftführerin zu übernehmen. Schon ein Jahrzehnt…Wahnsinn, wie die Zeit vergeht.

Wie viel Zeit investiert man da so und was sagt Danny dazu?

Zwischen den Rennen hält sich der Aufwand in Grenzen. Wir treffen uns ca. alle drei Monate für die grundlegenden Planungen und Absprachen. Zwischendrin steht ein bisschen Buchhaltung und Mitgliederverwaltung an. Anders sieht es natürlich in der Rennvorbereitung und am Renntag aus. Das ist dann wirklich ziemlich stressig. Für uns alle. Zum Glück habe ich im Rennbüro mit Anette Kunkel eine tolle Unterstützung. Und nach zehn Jahren sind die Abläufe auch zum großen Teil Routine geworden.

Danny findet es gut, dass ich nicht nur „passiv“ am Motocross teilnehme. Dadurch, dass ich quasi seit 15 Jahren im Thema bin, können wir uns natürlich auch auf Augenhöhe darüber austauschen. Du kennst das. ;)

Letzte Worte:

Es gibt sicher unkompliziertere Sportler/Partner als Motocrosser, aber am Ende ist es auch ein Sport, der aus Jungs echte Kerle macht und sie prägt. Kampfgeist und Durchhaltevermögen braucht man schließlich auch im „richtigen“ Leben und erst Recht in einer Beziehung.

 

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